Di
09
Nov
2010
Lehrlingsumfrage zur Arbeitssituation im Tiroler Handel 2010
Im Tiroler Handel ist die Situation der ArbeitnehmerInnen und insbesondere von Lehrlingen alles andere als zufrieden-stellend. Das geht aus einer Umfrage der Tiroler GPA-djp-Jugend zur "Arbeitssituation von Lehrlingen im Handel" hervor. „Die laufenden Kollektivvertragsverhandlungen im Handel nahm die Jugend der GPA-djp Tirol zum Anlass, Druck für eine nachhaltige Verbesserung der Arbeits- und Ausbildungsbedingungen der Lehrlinge zu machen, welche im Rahmenrecht ausdrücklich verankert werden sollten. Eines der zahlreichen Gründe, warum die Lohnverhandlungen für mehr als 45.000 Tiroler Handelsangestellte ins Stocken geraten sind“, erklärt der gf. Tiroler ÖGB Vorsitzende Otto Leist.
Befragt wurden die Lehrlinge zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrer Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Insgesamt beteiligten sich in Tirol 190 Handelslehrlinge in den Altersklassen unter 16 Jahren, zwischen 16 und 18 Jahren und über 18 Jahren an der Umfrage, die sich aus 149 weiblichen und 41 männlichen Lehrlingen zusammensetzen. „Lehrlinge haben oftmals nicht die Möglichkeit sich bei bestehenden Problemen an einen Betriebsrat zu wenden und werden auch oft von der Angst geplagt, ihre Lehrstelle zu verlieren“, so Leist.
Überstunden
Die erste Frage bezieht sich darauf, ob und wie viele Überstunden von den Lehrlingen pro Monat geleistet werden. Weit über die Hälfte (72,4%) der befragten Tiroler Handelslehrlinge leisten
Überstunden. Von 126 Befragten der Altersgruppe 16-18 Jahre gaben 72,3% an Überstunden zu leisten, obwohl dieses Lehrlingen unter 18 Jahren rechtlich untersagt ist. Ein Viertel der
Handelslehrlinge die Überstunden leisteten gab an, nicht immer ordnungsgemäß für ihre Mehrarbeit entlohnt worden zu sein. 10,7% sind ihre geleisteten Überstunden noch nie gezahlt worden.
Urlaubszeit
Bei der Einteilung der Urlaubszeit hat nach Umfrageergebnissen ein Drittel (33%) der Tiroler Handelslehrlinge Probleme. Diese müssen sich bei der Urlaubseinteilung entweder nach den Arbeitgebern
richten oder es benötigt immer eine längere Diskussion bezüglich der Urlaubszeit.
Krankenstand
Weiters ergeben sich für 35,7% der Tiroler Handelslehrlinge im Falle eines Krankenstands einige zu überwindende Hürden. Ein Großteil bekommt es vom Arbeitsgeber schon zu spüren, dass es diesem
lieber wäre, wenn der Lehrling trotz Krankheit arbeiten würde. Anderswo übt der Arbeitgeber ziemlich großen Druck aus, damit der Auszubildende erst gar nicht in den Krankenstand geht.
Sonntagsarbeit
Die Umfrage beschäftigt sich auch mit der Thematik und Problematik der Sonntagsarbeit. Hier gaben 96,3% der Befragten an, am Sonntag nicht arbeiten zu wollen. Die Hälfte davon würde bei
anfälliger Sonntagsarbeit auch einen Jobwechsel in Betracht ziehen.
Lehrstellensuche
Durch die angespannte Situation am Tiroler Arbeitsmarkt ist es für jeden zweiten Lehrling im Tiroler Handel laut Umfrage schwierig gewesen eine Lehrstelle zu finden. Des Weiteren gaben 49,5% der
Lehrlinge an in ihrem eigentlichen Wunschlehrberuf nicht untergekommen zu sein.
Berufsmatura
Für rund zwei Drittel der Befragten besteht laut Umfrage die Möglichkeit an der „Berufsmatura“ teilzunehmen. Knapp über die Hälfte gab hier an, diese außerhalb der Arbeitszeiten absolvieren zu
können. Hier besteht vor allem der Bedarf mehr Attraktivität für die „Berufsmatura“ zu schaffen.
Wichtigkeit von Kollektivverträgen
100% der Befragten haben schon einmal etwas vom Kollektivvertrag gehört. Auf diesen Bekanntheitsgrad gehört aufgebaut und zwar dahingehend, dass die Wichtigkeit von Kollektivverträgen und deren
jährliche Aushandlung ins Zentrum des Interesses von Lehrlingen gerückt werden.
Lehrlingsentschädigung
Laut Ergebnis der Umfrage ist rund jeder zweite Tiroler Handelslehrling mit der Höhe seiner Lehrlingsentschädigung unzufrieden.
Weibliche Domaine
Schon allein an der Geschlechteraufteilung der an der Umfrage partizipierenden Handelslehrlinge lässt sich erkennen, dass vor allem Berufe im Einzelhandel immer noch weiblich dominiert sind.
90,6% der befragten weiblichen Lehrlinge sind im Einzelhandel tätig. Auf Bundesebene gesehen beträgt der Frauenanteil im Handel an die 60%.
Kein Traumberuf
Trotz weiblicher Dominanz im Einzelhandel gaben 57% der Umfrageteilnehmerinnen an, im Handel nicht ihren Traumberuf gefunden zu haben. Hier dient die Branche wohl eher als „Notlösung“ und auch
als Möglichkeit einer späteren Teilzeitbeschäftigung, die Frauen mit Familie zu Gute kommt.
Praxistest in erster Linie Unternehmenssubvention
Worum sich aber alle Betriebe sprichwörtlich reißen, ist die Förderung für den Ausbildungsnachweis zur Mitte der Lehrzeit, also der so genannte Praxistest! „Dies ist auch keineswegs verwunderlich
wenn man bedenkt, dass es hier die Möglichkeit gibt pro Lehrling 3.000 Euro zu kassieren. Alles was die Betriebe dafür machen müssen, ist alle Lehrlinge zur Mitte der Lehrzeit zu diesem
bestimmten Test zu schicken und eine Ausbildungsdokumentation abzugeben. Bestehen die Lehrlinge, lacht sich der/die Chefin ins Fäustchen und kassiert 3.000 Euro. Rechnet man dies auf einen
Betrieb mit 100 Lehrlingen hoch, so ergibt sich schon mal eine Fördersumme von 300.000 Euro für die der Betrieb eigentlich nichts machen muss“, kritisiert Otto Leist.
Natürlich gehen die Lehrlinge, in den meisten Fällen leer aus. Aber was ist wenn Lehrlinge den „Praxistest“ nicht bestehen? „Dann muss der Betrieb die Ausbildungsdokumentation bis zum Lehrzeitende führen. Treten die Lehrlinge zur Lehrabschlussprüfung an und bestehen diese bekommt der Betrieb immer noch 1.500 Euro und die Lehrlinge gehen wieder leer aus. Diese Regelung ist für mich in erster Linie eine weitere Subvention für Unternehmen“, erklärt der gf. Tiroler ÖGB Vorsitzende.
Aus gewerkschaftlicher Sicht geht der Praxistest an der Zielsetzung vorbei. „Ursprünglich sollte die Ausbildungsqualität der Betriebe überprüft werden. Um dies zu erreichen, müsste man beispielsweise Maßstäbe für die AusbildnerInnen und die Ausbildungsmethoden setzen und nicht einen Test für die Lehrlinge.“, erklärt Otto Leist abschließend.


