Mo

23

Nov

2009

Die Zukunft unseres Bildungsystems

"Reiche Eltern für alle" - das stand auf einem Transparent, das den großen Hörsaal der Universität Wien in den vergangenen Tagen schmückte. Die Proteste an den Universitäten sind nicht Ausdruck eines lokalen Problems, sondern Ausdruck einer gesamten Misere des Hochschulsystems in Österreich.Mit Forderungen wie beispielsweise mehr Geld für Universitäten, damit Lehrende und Lernende entsprechende Verhältnisse erhalten, dringen die Studierenden beim (noch) zuständigen Wissenschaftsminister Johannes Hahn nicht mehr durch. Im Gegenteil: Die ÖVP und ihr Generalsekretär Fritz Kaltenegger haben - der Parteilinie treu bleibend - wieder Gruppen (Chauvinisten) gefunden, die einen Keil in die Gesellschaft treiben sollen. Die fleißigen ArbeiterInnen in den Stahlwerken müssten den Protest der Studierenden mit ihren Abgaben finanzieren. Dass gerade die ArbeitnehmerInnen in der Metallbranche in den Kollektivvertragsverhandlungen feststecken, weil die Arbeitgeber die Krise ausnützen wollen und am liebsten Nulllohnrunden abscließen möchten, vielleicht auch bald öffentlich protestieren müssen, wird da glatt übersehen. Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Studierenden mit den MetallarbeiterInnen dann solidarisch erklären.

Neue Ungerechtigkeiten werden geschaffen

"Die aktuellen Proteste an der Wiener Universität sind aber nicht Ausdruck eines lokalen Problems an einer einzelnen Universität, sondern Ausdruck einer gesamten Misere des Hochschulsystems in Österreich", erklärt GPA-djp-Bundesgeschäftsführerin Dwora Stein, die auch Mitglied des Rates der Universität Wien ist. "Die vom Wissenschaftsminister bislang vorgelegten Pläne sind jedenfalls sicher nicht geeignet, die strukturellen Probleme dauerhaft zu lösen."

 

Nowotny fordert Investitionen in Bildung

Während am 28. Oktober die Studierenden in Wien auf die Straße gingen, erklärte zeitgleich Notenbankchef Ewald Nowotny, selbst Professor und ehemaliger Vize-Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, im Rahmen einer Podiumsdiskussion zu 80 Jahre "Schwarzer Freitag", dass Investitionen in die Bildung gerade in der Krise das Wichtigste sind, damit sich die verheerenden Folgen der Krise der 1930er-Jahre nicht wiederholen. Diese führten bekanntlich zu militärischer Aufrüstung, zum Zweiten Weltkrieg und zur Wiederaufbauhilfe Europas durch den Marshall-Plan.

 

"Den Studierenden geht es um die Zukunft des Bildungssystems und nicht darum, möglichst schnell irgendwas fertig zu studieren, um bloß einen Abschluss in der Tasche zu haben", sagt Jürgen Michlmayr, Vorsitzender der Österreichischen Gewerkschaftsjugend. Durch die Umstellung der Studienpläne auf die Gliederung in Bachelor, Master und Doktorat sind viele Nachteile für Studierende entstanden. Michlmayr: "Breitgefächerte Bildung, bei der jemand ein Hauptstudium betreibt und seine Kenntnisse erweitert, indem er auch interdisziplinär studiert, wurde unmöglich gemacht. Die Tendenz geht hin zu eindimensionaler Bildung." Was in anderen Worten soviel heißt wie umsonst studiert. Besonders bedenklich ist für Michlmayr auch die Tatsache, dass Studierende an Fachhochschulen weiterhin Studiengebühren zahlen müssen.

 

Nach Lust und Laune

"Als StudentInnengewerkschaft treten wir für einen freien Zugang zur Bildung für alle ein", bekräftigt FSG-Jugendvorsitzender René Pfister. Die Universitäten und ihre Institute könnten Master- und PhD-Studiengänge nach Lust und Laune beschränken. So werde der Abschluss eines Bachelor-Studiums zu einer Massenabfertigung, nach dem der Großteil der Studierenden die Universität wieder verlässt, und das, obwohl die Zukunftsperspektiven mit einem Bachelor- Abschluss bis dato vollkommen unklar sind. Es könne auch nicht sein, dass Studierende über Monate hinweg sich nur der Suche nach BetreuerInnen für ihre Abschlussarbeiten widmen müssen: "Und all jene, die nicht ins Konzept passen, sollen die Universitäten möglichst schnell wieder verlassen", so Pfister und fordert Master- und Doktoratsstudienplätze mit Betreuung für alle.

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